Angler an der Warmow. Gemälde. Öl auf Holz. 1886. Urheber: Paul Baum, geb. in Meißen (1859 - 1932)

Christoph Scheuring und das Motto 2021:

 

"Eigentlich bin ich ein Kind der Stadt. Trotzdem habe ich  an irgendwelchen Gewässern fischend meine halbe Jugend verbracht. Ich habe es geliebt, mich frühs vor der Schule mit der ersten Dämmerung aus dem Haus zu schleichen und mich an ein Gewässer zu stellen, an dem das Angeln verboten war. Dort war ich um diese Zeit mit der Natur alleine. Die Luft war kalt, die Teiche dampften und kein Geräusch war zu hören außer den Fischen, die dort aufs Wasser klatschten. Es war eine Mischung aus Paradies und Adrenalin. Vielleicht beißt in der nächsten Sekunde ein Riese an. Vielleicht erscheint der Pächter, und ich muss ins Dickicht hechten, so schnell ich kann.

 

In der Regel lag ich schon wieder im Bett, wenn meine Eltern mich für die Schule weckten. Vielleicht wunderten sie sich darüber, dass sich die Fische in unserer Kühltruhe auf wundersame Weise vermehrten. Gefragt haben sie nie.

Basstölpel auf Helgoland, gefangen in ihren eigenen Nestern, welche sie ausschließlich aus alten Geisternetzen und anderem Plastikabfall gebaut haben. Urheberin: Engelberger, 2011

Auch als erwachsener Mensch habe ich noch geangelt. Nirgendwo fühlte ich mich dem Leben näher als alleine an einem Gewässer. Nur die Schönheit der Natur und ich und meine Gedanken. Einer schlich sich immer häufiger in den Kopf: Woher nehmen wir Menschen das Recht, einer Kreatur einen computergeschärften Haken durch die Zunge zu hauen? Wie kommen wir dazu, Lebewesen zu töten, die so faszinierend und fremd sind und die trotzdem Trauer und Zuneigung fühlen wie Hunde und Menschen auch. Je mehr ich das Angeln liebte, desto weniger konnte ich es am Ende tun.

Heute fische ich gar nicht mehr. Das ist es, was ich gelernt habe durch die Jahre an den Gewässern: Nur wenn wir etwas lieben, schützen wir es. Es klingt wie ein billiger Kalenderspruch, aber am Ende ist es tatsächlich so simpel: Wenn wir die Natur schützen wollen, müssen wir sie lieben. Das weiterzugeben ist der heilige Auftrag von Eltern, Lehrern und auch der Literatur.

 

Es reicht einfach nicht, zu wissen, dass wir auf einen Abgrund zu steuern und unser Verhalten ändern müssen. Da sind wir wie Alkoholiker, die sich selbst und alles in ihrer Umgebung zerstören und es wissen und trotzdem zur Flasche greifen, um das Elend nicht mehr zu sehen. Warnungen ändern nichts. Liebe ändert.

Fischerboot im Sturm. Urheber: Heinrich Leitner

Und genau darum geht es in "Sturm": Zu zeigen, wie atemberaubend und gewaltig und furchtbar und schön die Natur und der Tod und das Leben ist, wie wunderbar alles mit allem zusammenhängt, wie sehr es sich lohnt, das alles zu lieben. Wenn ich mir nur eins wünschen könnte mit meinem Buch, dann wäre es dies: Dass es Lust darauf macht, sich im Sturm an einen Strand zu stellen und sich umblasen zu lassen von der Gewalt und Schönheit unserer Natur."